Unter dem eisigen Licht eines gewaltigen Mondes wirkten die Klippen wie ein Ort aus einer vergessenen Welt. Die Wellen schlugen mit unbändiger Wucht gegen die Felsen, während der Wind Legenden flüsterte, die niemand mehr zu erzählen wagte.

Man sagte, dass seit Jahrhunderten eine Hexe allein in diesen Bergen lebte.

Niemand kannte ihren wahren Namen. Die wenigen Manuskripte, in denen er erwähnt wurde, waren in den Flammen längst vergangener Kriege verbrannt. Die Menschen sprachen nur noch von der Hexe des Blutmondes, einer Wächterin, die während einer Mondfinsternis geboren wurde und eine Magie besaß, die die Welt beschützen … oder vernichten konnte.

Mit jedem Vollmond wuchs ihre Macht.

In jener Nacht erklomm ein berühmter Jäger die verbotenen Klippen. Er war überzeugt, dass ihn der Tod der Hexe zur Legende machen würde. Furchtlos trug er in der einen Hand eine geweihte Klinge und in der anderen eine silberne Armbrust.

Er wusste nicht, dass er lediglich eine Schachfigur war.

Auf dem Gipfel der Klippe wartete bereits eine Gestalt auf ihn.

Groß.

Regungslos.

Ein blasses Gesicht, vom Mondlicht erhellt.

Lange blonde Zöpfe fielen über einen zerrissenen schwarzen Ledermantel, gezeichnet von zahllosen Kämpfen. In ihrer Hand ruhte ein uralter Besen, dessen Runen in geheimnisvollem Licht leuchteten.

Langsam öffnete die Hexe ihre Augen.

Zwei übernatürlich blaue Lichtstrahlen durchdrangen die Dunkelheit.

Der Jäger hob seine Waffe.

Sie flüsterte nur einen einzigen Satz:

„Stirb im Schatten.“

Die Luft explodierte.

Eine gewaltige Welle magischer Energie fegte über die Klippen. Der Boden bebte, Felsen zerbarsten, und violette Blitze zerrissen den Nachthimmel. Der Jäger versuchte verzweifelt, sich zu verteidigen, doch die Macht der Hexe überstieg alles, was er sich jemals vorgestellt hatte.

Der Kampf war ebenso kurz wie erbarmungslos.

Ihr verzauberter Besen zog einen leuchtenden Kreis durch die Luft, bevor er mit überwältigender Wucht zuschlug. Magische Flammen verschlangen das Schlachtfeld.

Wenige Augenblicke später …

kehrte die Stille zurück.

Nur der Wind strich erneut über die Klippen.

Die Hexe blickte zum Horizont.

Doch etwas hatte sich verändert.

Der Himmel verdunkelte sich.

Selbst der Mond verlor seinen Glanz.

Ein gewaltiger Riss öffnete sich zwischen den Wolken und spie eine finstere Energie aus einem längst vergessenen Reich aus.

Ein uraltes Lachen hallte durch die Nacht.

Die Siegel waren gebrochen.

Seit Jahrtausenden hatte eine uralte Wesenheit, bekannt als der König der Schatten, auf genau diesen Augenblick gewartet.

Er hatte nie gewollt, dass jemand die Hexe tötete.

Er brauchte lediglich einen Menschen, der das letzte Ritual auslöste, indem er die heiligen Klippen betrat.

Der Jäger war nichts weiter als ein Opfer.

Langsam erhob sich eine gigantische Gestalt aus dem Riss am Himmel.

Ihre Flügel verdunkelten die Sterne.

Ihre roten Augen brannten wie zwei sterbende Sonnen.

Die Berge begannen einzustürzen.

Die Meere erhoben sich.

Es schien, als stünde die Welt kurz vor ihrem Ende.

Zum ersten Mal seit Jahrhunderten …

empfand die Hexe Angst.

Doch sie wusste, dass es noch eine letzte Magie gab.

Eine verbotene Magie.

Eine Magie, die niemand überleben konnte.

Sie schwang sich auf ihren Besen.

Sofort hüllte ihn ein strahlend weißes Licht ein.

Alle uralten Runen begannen gleichzeitig zu leuchten.

Mit unglaublicher Geschwindigkeit schoss sie in den Himmel und hinterließ einen lodernden Feuerschweif, der sich bis zum Mond erstreckte.

Der König der Schatten brüllte.

Eine endlose Armee finsterer Kreaturen erhob sich hinter ihm.

Schattendrachen.

Aschenriesen.

Gesichtslose Geister.

Die letzte Schlacht hatte begonnen.

Stundenlang verwandelte sich der Himmel in ein Meer aus Feuer, Blitzen und Magie.

Jeder Schlag ließ die Berge erbeben.

Jede Explosion erleuchtete den gesamten Kontinent.

Doch trotz all ihrer Macht …

erkannte die Hexe, dass sie diesen Kampf nicht gewinnen konnte.

Also traf sie ihre letzte Entscheidung.

Sie sprach die Worte des Ersten Zaubers.

Die Zeit stand still.

Der Wind verstummte.

Die Flammen erstarrten.

Sogar die Sterne schienen den Atem anzuhalten.

Ihre gesamte Kraft, ihre Seele und all ihre Erinnerungen wurden vom verzauberten Besen aufgenommen.

Die Waffe verwandelte sich in eine gewaltige Säule aus reinem Licht.

Die Hexe lächelte ein letztes Mal.

Dann stürzte sie sich direkt auf das Herz des Königs der Schatten.

Ein Licht, heller als tausend Sonnen, verschlang den Himmel.

Die ganze Welt wurde geblendet.

Als das Licht schließlich verschwand …

gab es weder ein Monster …

noch eine Armee …

noch den Riss am Himmel.

Der König der Schatten war für immer ausgelöscht.

Auch die Hexe war verschwunden.

Nur ihr Besen fiel lautlos auf jene Klippe zurück, auf der alles begonnen hatte.

Jahrhunderte vergingen.

Die Menschen bauten ihre Dörfer wieder auf.

Die Kriege endeten.

Der Frieden kehrte zurück.

Mit der Zeit geriet die wahre Geschichte in Vergessenheit.

Die Menschen erzählten wieder, die Hexe sei ein Monster gewesen.

Dann wurde sie zu einer Legende.

Schließlich nur noch zu einem Märchen, mit dem man Kinder erschreckte.

Und doch schwören manche Reisende bis heute, dass sie in jeder Nacht des größten Vollmondes eine einsame Gestalt lautlos über den Himmel fliegen sehen – begleitet von einem silbernen Lichtstreifen.

Niemand weiß, ob es ein Geist ist …

eine Erinnerung …

oder die ewige Wächterin, die noch immer über die Welt wacht.

Ende.