Aber Anna bemerkte es.

„Du kennst diese Unterlagen.“

Er schwieg.

„Du kennst Leon.“

Noch immer keine Antwort.

„Du hast meinen Vater nicht nur bestohlen.“

Thomas stand auf.

„Anna, du verstehst nicht, was damals passiert ist.“

„Dann erklär es mir.“

Seine Stimme wurde härter.

„Manchmal müssen Menschen Entscheidungen treffen, die andere nicht verstehen.“

Anna lachte bitter.

„Du meinst, man darf Menschen belügen, wenn es einem selbst nützt?“

Thomas sah sie an.

Und zum ersten Mal erkannte sie den Mann vor sich nicht wieder.

„Du solltest aufhören zu suchen.“

„Warum?“

Er antwortete leise:

„Weil manche Wahrheiten dein Leben zerstören.“

Anna nahm die Akte.

„Nein, Thomas.“

Sie ging zur Tür.

„Die Lüge hat mein Leben zerstört. Die Wahrheit gibt es mir vielleicht zurück.“


Kapitel 3 – Die letzte Nachricht meines Vaters

Am nächsten Tag begann Anna mit ihrer eigenen Untersuchung.

Sie stellte einen privaten Ermittler ein.

Sie überprüfte alte Bankunterlagen.

Sie sprach mit ehemaligen Mitarbeitern.

Und jede Spur führte zu demselben Ergebnis:

Thomas hatte über Jahre Geld verschoben.

Aber das war nicht alles.

Jemand innerhalb der Firma hatte ihm geholfen.

Jemand, dem Anna vertraut hatte.

Ihre eigene Finanzberaterin.

Miriam Vogel.

Als Anna sie damit konfrontierte, brach Miriam zusammen.

„Ich wollte nicht.“

„Aber du hast es getan.“

Miriam weinte.

„Thomas hatte Beweise gegen mich.“

„Welche Beweise?“

Miriam öffnete eine Schublade.

Darin lag ein alter USB-Stick.

„Dein Vater hat ihn mir gegeben.“

Anna nahm ihn langsam.

„Warum?“

„Er wusste, dass er keine Zeit mehr hatte.“


Auf dem USB-Stick befand sich nur eine einzige Videodatei.

Das Bild war alt und unscharf.

Dann erschien ihr Vater.

Viktor Keller.

Lebendig.

Anna legte eine Hand vor den Mund.

„Meine liebe Anna…“

Seine Stimme zitterte.

„Wenn du das siehst, habe ich versagt.“

Tränen liefen ihr über das Gesicht.

„Ich wollte dich schützen.“

Ihr Vater blickte direkt in die Kamera.

„Thomas wird versuchen, dir alles zu nehmen. Die Firma. Dein Geld. Deinen Glauben an Menschen.“

Er machte eine Pause.

„Aber eines darfst du niemals vergessen.“

Anna hielt den Atem an.

„Du bist meine Tochter. Nicht seine Angestellte.“

Das Video endete.

Doch am Ende erschien noch eine letzte Nachricht:

„Suche nach dem roten Ordner im alten Familienhaus.“

Anna stand auf.

Sie wusste, was sie tun musste.

Denn irgendwo dort draußen lag noch die Wahrheit.

Und diesmal würde sie niemand mehr begraben können.