Aber der andere Teil, der alte und gebrochene Teil des Zimmermannsvaters, drückte mich zu Boden, als hätte ich zwei geschmolzene Bleibarren in den Stiefeln.
Man kann seine eigene Tochter nicht zur Kasernendisziplin zwingen.
Man kann die Wahrheit nicht auslöschen, indem man Akten verbrennt, wenn die Augen des eigenen Blutes das Monster bereits unter der Tür hervorlugen gesehen haben.
Das Tippen im Obergeschoss verstummte abrupt.
Ich hörte das Quietschen der Beine seines Schreibtischstuhls, als er über den Hartholzboden schleifte.
Vorsichtige Schritte näherten sich der Tür seines Zimmers.
Ich trat drei Meter zurück in der Dämmerung des Zimmers und verschmolz mit dem Schatten des Zedernholz-Bücherregals, das ich gebaut hatte, als sie fünfzehn wurde.
Der Verschluss seines Gewehrs drehte sich langsam.
Die Tür öffnete sich kaum zehn Zentimeter weit und ließ einen schmalen Streifen weißen Lichts auf den darüber liegenden Flur fallen.
Sofia spähte vom Treppenabsatz hervor.
Sie trug ein lockeres graues Sweatshirt und ihr Haar war offen und fiel in unordentlichen Strähnen über ihre Schultern.
In seiner rechten Hand hielt er ein Handy, dessen Bildschirm im Anklopfmodus eingeschaltet war.
Er blieb regungslos auf dem Treppenabsatz stehen und lauschte dem Atmen des leeren Hauses.
—Papa? —rief sie mit gebrochener, fast unhörbarer Stimme.
Ich habe nicht geantwortet.
Ich atmete tief und kontrolliert im Zwerchfell, ohne auch nur einen einzigen Muskel in meinem Gesicht zu bewegen.
Sofia wartete fünf Sekunden in der Dunkelheit des Geländers.
Als er keine Antwort erhielt und sah, dass das Erdgeschoss dunkel war, nahm er an, dass ich mich noch immer in der Werkstatt im hinteren Teil des Gebäudes aufhielt und mit dem Holz arbeitete.
Er hob das Handy ans Ohr und ging zwei Schritte auf das Ende des Flurs zu, wobei er so leise sprach, dass die Worte die Stille der Balken kaum durchdringen konnten:
—Hallo Martin… Entschuldigung für die späte Stunde — sagte sie mit angespannter Stimme, die von nervöser Dringlichkeit zeugte—.
Martin.
Martín Sandoval, sein Kollege in der Rehabilitationsklinik des Zentralen Militärkrankenhauses, ein dreißigjähriger Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation mit Zugang zum Klinikarchiv und den Datenbanken der Armeepensionäre.
—Ich brauche einen riesigen Gefallen, einen, um den man nicht per offizieller E-Mail bitten kann— fuhr meine Tochter fort und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Türrahmen.
—Ich möchte, dass Sie im historischen Archiv der Generaldirektion für Personal der Sedena eine Akte für mich finden.
Es entstand eine Pause, in der nur das verzerrte Gemurmel des Telefonlautsprechers zu hören war.
—Nein, es ist nicht für irgendeinen Patienten der Klinik— antwortete Sofia und senkte ihre Stimme noch weiter, bis sie nur noch wie ein gespannter Draht klang.
– Es ist für meinen Vater. Vicente Morales Téllez.
Ich spürte einen scharfen, reißenden Stich auf der linken Seite meiner Brust, direkt unterhalb der alten Bajonettnarbe.
“Vicente Morales Téllez”.
Der Name, der auf seiner Geburtsurkunde stand, der Name, unter dem er die Stromrechnungen und die Grundsteuer für die Werkstatt bezahlte.
—Es müsste einen Diensteintrag mit diesem Namen in der Veteranenakte aus dem Zeitraum von 1992 bis 2003 geben— erklärte sie mit dem methodischen und kalten Ton einer forensischen Expertin.
—Er hat eine sieben Zentimeter lange Stichwunde zwischen der siebten und achten Rippe links und einen verheilten Wadenbeinbruch mit alter chirurgischer Fixierung.
Sofia schluckte; ich hörte in der Ferne das trockene Klicken, als sich ihre Kehle zuschnürte.
—Falls er nicht als pensionierter regulärer Infanterist auftaucht… suchen Sie ihn in den Listen des aufgelösten Spezialoperationsbataillons des Militärlagers Nummer Eins.
Der Militärarzt muss ihr am anderen Ende der Leitung eine ernste Warnung ausgesprochen haben, denn Sofia presste den Hörer verzweifelt ans Ohr:
“Ich weiß, dass diese Unterlagen vertraulich sind, Martín! Ich bin doch nicht blöd! Aber ich muss wissen, ob mein Vater 1998 in den Bergen von Guerrero war… oder ob der Mann, mit dem ich mein ganzes Leben zusammengelebt habe, im Personenstandsregister einen falschen Namen hat.”
Die Stille, die nach diesem letzten Satz über das Haus hereinbrach, war wie der Einschlag eines Mörsers auf einen Erdbunker.
„Oder falls er einen falschen Namen hat.“
Der Verdacht bezog sich nicht einfach nur auf einen Schlag in einem Jiu-Jitsu-Studio.
Der Verdacht hatte den Kern seiner Identität erreicht, die Wurzeln seines Blutes, die quälende Ungewissheit, ob das Grab seiner Mutter auf dem Friedhof von Dolores den richtigen Nachnamen oder den Aliasnamen einer Kriegswitwe trug.
Sofia beendete das Gespräch, nachdem sie das Versprechen ihrer Kollegin gehört hatte, die Mikrofiche am nächsten Tag während der Frühschicht durchzusehen.
Sie stand still auf dem Treppenabsatz, ihr Blick verloren in den Schatten des Zimmers, in dem ich nur vier Meter von ihren Füßen entfernt verborgen blieb.
Ich konnte das unwillkürliche Zittern seiner linken Schulter unter dem grauen Sweatshirt erkennen.
Die Luft um ihre Lippen zitterte in einer Reihe von abgehackten Seufzern, die drohten, in einen tiefen Schrei überzugehen, so einen, den man mit der Hand vor dem Mund unterdrückt, damit die Nachbarn es nicht hören.
Sie kehrte in ihr Schlafzimmer zurück und schloss die Tür langsam, wobei sie den Metallriegel mit unendlicher Feinfühligkeit drehte, als fürchte sie, einen Toten aufzuwecken, der unten auf dem Boden lag.
Mit lautlosen Schritten verließ ich die Dunkelheit des Raumes und überquerte den Hof in Richtung Werkstatt.
Ich schloss das Holztor hinter mir und lehnte mich gegen die dicken Kiefernholzplanken.
Die Kälte der Nacht begann durch die Risse im verzinkten Blechdach zu sickern.
In der dunkelsten Ecke der Werkstatt, hinter der Werkbank, wo er die Gläser mit Bienenwachs und die Flaschen mit Terpentin aufbewahrte, stand ein Eckschrank aus schwarzer Eiche.
Es war ein schweres, klobiges Möbelstück mit einem Gewicht von über hundert Kilo, das er zum Fegen nie von seinem Platz bewegte.
Für Sofia und jeden Kunden, der nach einem Angebot fragte, war dieser Schrank nichts weiter als ein alter Schrottplatz, auf dem schwere Schrauben und Ersatzteile für ausrangierte Kreissägen gelagert wurden.
Ich ging in Richtung der Ecke und wich dabei den Haufen von Holzspänen aus, die den verdichteten Lehmboden bedeckten.
Ich kniete auf dem kalten Boden und stützte mich mit meinem gesunden Knie ab, während mein linkes Knie von der Anstrengung einen dumpfen, brennenden Schmerz ausstieß.