Seiner Aussage zufolge versuchte er zu fliehen, weil ihm klar wurde, dass ihn jemand als alleinigen Täter benutzen könnte.
Die Polizei musste diese Version noch überprüfen.
Die Informationen ermöglichten es jedoch, mehrere Ereignisse jener Nacht miteinander in Verbindung zu bringen.
Die Sonderbestellung.
Das Rezept.
Das Notizbuch.
Der Versuch, mir etwas anzuhängen.
Adriano hörte auf zu lächeln.
Und dann stellte Matteo ihm eine Frage.
—Warum erst nach fünfundzwanzig Jahren?
Sein Bruder reagierte nicht.
Ich beobachtete ihn genau.
“Warum jetzt?”, wiederholte ich.
Adriano hob den Blick.
Sein Gesichtsausdruck war völlig anders.
—Weil manche Menschen nie lernen, die Vergangenheit loszulassen.
Diese Worte genügten mir, um etwas zu verstehen.
Meine Mutter war gestorben.
Doch die Angst, die sie vor mir zu verbergen versucht hatte, war immer noch da.
Und nun war die Zeit gekommen, sich ihm zu stellen.
## TEIL 5: ISABELLAS LETZTES VERSPRECHEN
Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich die Nacht auf einer Polizeiwache verbringen würde.
Das Restaurant Bellavita lag nun hinter uns.
Die Kellner hatten auch Angst.
Die Leibwächter.
Der elegante Tisch zwölf.
Nun saß sie unter einer weißen Lampe und blickte einem Kriminalbeamten entgegen, der die soeben abgegebene Aussage sorgfältig durchging.
Ich hielt das Notizbuch meiner Mutter in den Händen.
Ich wollte es nicht loslassen.
So viele Jahre lang hatte ich gedacht, dass dieses Objekt nur die Erinnerungen an unsere kleine Küche repräsentierte.
Nun wusste ich, dass es auch die Geschichte all dessen enthielt, was sie geopfert hatte, um mich zu beschützen.
Doch eine Frage blieb noch unbeantwortet.
Warum hatten sie gerade diese Nacht gewählt, um den Plan in die Tat umzusetzen?
***
Die Ermittler begannen, die Ereignisse zu rekonstruieren.
Sie bestätigten, dass jemand vor Beginn meiner Schicht Zutritt zu meiner Wohnung hatte.
Sie überprüften auch die Aufzeichnungen des Restaurants und die vorhandenen Kameras.
Der Sonderauftrag war bewusst eingeführt worden.
Marco hatte nicht zufällig gehandelt.
Und es hatte eine Koordination zwischen mehreren Bewegungen gegeben, die scheinbar unabhängig voneinander waren.
Das bedeutete jedoch nicht, dass sich alle unsere Vermutungen bestätigten.
Während die Ermittler ihre Arbeit fortsetzten, kehrte ich in Begleitung von Agenten nach Hause zurück, um nach fehlenden Gegenständen zu suchen.
Ich fand die Wohnung in einem völligen Chaos vor.
Die Schubladen waren geöffnet.
Die Kleidung lag noch immer verstreut.
Sie hatten die Möbel und die Räume durchsucht, in denen ich meine Sachen aufbewahrte.
Ich stand regungslos vor dem Ort, an dem ich früher die Erinnerungskiste meiner Mutter aufbewahrt hatte.
Er war fort.
Ich empfand tiefe Traurigkeit.
Doch dann erinnerte ich mich an etwas, das ich in seinen Aufzeichnungen gelesen hatte.
*Das Original ist noch hier.*
Ich schaute noch einmal in das Notizbuch.
Wer auch immer meine Wohnung durchsucht hatte, hatte die Schachtel gefunden.
Doch er hatte die im Umschlag versteckten Briefumschläge noch nicht entdeckt.
Meine Mutter hatte die Möglichkeit vorausgesehen, dass jemand versuchen könnte, ihre Beweismittel zu stehlen.
Und er hatte das Wichtigste auf eine Weise beschützt, die nur ich verstehen konnte.
***
Die Ermittlungen schritten in den folgenden Tagen voran.
Die Behörden konnten Aufzeichnungen sichern, die es ihnen ermöglichten, einige der alten Dokumente zu vergleichen.
Sie untersuchten auch die Kommunikation im Zusammenhang mit dem versuchten Vergiftungsanschlag.
Nicht alle Ereignisse, die sich vor fünfundzwanzig Jahren zugetragen haben, konnten vollständig rekonstruiert werden.
Es gab Tote.
Dokumente, die nicht mehr existierten.
Widersprüchliche Erinnerungen.
Doch die von meiner Mutter aufbewahrten Beweise ermöglichten es, Finanztransaktionen und Entscheidungen aufzudecken, die viele Jahre lang verborgen geblieben waren.
Die Ermittlungen begannen auch, Verbindungen zwischen Beteiligten des jüngsten Plans und Personen aus dem Umfeld von Adriano herzustellen.
Schließlich sammelten die Behörden genügend Beweise, um gegen mehrere Beteiligte vorzugehen.
Adriano wurde verhaftet.
Als ich die Nachricht erhielt, empfand ich nicht die Befriedigung, die ich mir vorgestellt hatte.
Ich fühlte mich völlig erschöpft.
Tagelang hatte ich gedacht, dass mir diese Verhaftung vielleicht etwas von dem zurückgeben könnte, was mir genommen worden war.
Aber meine Mutter war immer noch tot.
Meine Erinnerungen blieben unvollständig.
Und die elf Jahre, die wir getrennt verbracht hatten, würden niemals zurückkehren.
Mir wurde in diesem Moment klar, dass ich mehr als nur eine Untersuchung brauchte.
Ich musste mein Leben zurückgewinnen.
***
Matteo hat einen Vaterschaftstest beantragt.
Ich habe angenommen.
Nicht etwa, weil ich bereit gewesen wäre, ihn sofort als meinen Vater anzusehen.
Aber weil ich zu lange im Schweigen gelebt hatte und es verdiente, meine Herkunft zu erfahren.
Als die Ergebnisse vorlagen, trafen wir uns in einem privaten Büro.
Matteo blieb mir gegenüber sitzen.
Er hatte aufgehört, diesen undurchdringlichen Gesichtsausdruck anzulegen, der mich in der Nacht, als ich ihn kennengelernt hatte, so sehr eingeschüchtert hatte.
Er wirkte nervös.
Ich auch.
Ich öffnete den Umschlag.
Ich habe die Ergebnisse gelesen.
Dann las ich sie noch einmal.
Der Test bestätigte unsere biologische Verwandtschaft.
Matteo De Luca war mein Vater.
Wir verharrten einige Sekunden lang in Stille.
Schließlich schaute ich auf.
—Mein ganzes Leben lang dachte ich, du hättest uns verlassen.
Matteo senkte den Kopf.
-Ich weiß.
—Meine Mutter arbeitete trotz Krankheit. Es gab Tage, an denen wir kaum genug Geld zum Essen hatten.
Ihr Gesicht zuckte.
—Ich wünschte, ich hätte es gewusst.
-Ich auch.
Es gab keine sofortigen Umarmungen.
Es gab keine wundersamen Tränen, die all die Jahre hätten ungeschehen machen können.
Doch dann geschah etwas, womit ich nie gerechnet hatte.
Zum ersten Mal konnte ich jemandem die ganze Geschichte meiner Mutter erzählen.
Ich habe während des Kochens mit ihr über ihre Lieder gesprochen.
Ihre Hände waren immer beschäftigt.
Wie ich früher immer ein paar Münzen gespart habe, um mir zu meinem Geburtstag einen kleinen Kuchen zu kaufen.
Aus den Nächten, die ich wach verbrachte, als ich krank war.
Ich erzählte ihr, wie ich selbst während ihrer letzten Behandlungen versucht hatte zu lächeln.
Matteo hat absolut alles gehört.
Und als ich fertig war, sah ich Tränen in ihren Augen.
„Ich liebte sie“, murmelte er.
Ich spürte, wie sich mein Hals zuschnürte.
—Sie liebte ihn auch.
***
Ein paar Wochen später kehrte ich nach Bellavita zurück.
Nicht als Kellnerin.
Auch nicht als Mitglied der Familie De Luca, das Privilegien beanspruchen möchte.